{"id":8743,"date":"2025-07-15T12:20:24","date_gmt":"2025-07-15T10:20:24","guid":{"rendered":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/?p=8743"},"modified":"2025-07-15T12:20:24","modified_gmt":"2025-07-15T10:20:24","slug":"schweizer-schokolade-erfindung-einer-nationalen-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/schokoladen-blog\/schweizer-schokolade-erfindung-einer-nationalen-identitaet\/","title":{"rendered":"Schweizer Schokolade und die Erfindung einer nationalen Identit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><em>Kaum ein Produkt steht international so sehr f\u00fcr die Schweiz wie Schokolade. Das Bild von gr\u00fcnen Alpen, gl\u00fccklichen K\u00fchen und technischer Innovation dient als Symbol f\u00fcr Qualit\u00e4t und Reinheit \u2013 und ist doch ein sorgf\u00e4ltig konstruiertes Narrativ. Was also steckt wirklich hinter dem Begriff \u00abSchweizer Schokolade\u00bb? Wie viel Schweiz ist tats\u00e4chlich in der ber\u00fchmten Schoggi enthalten?<\/em><\/p>\n<p>Beginnen wir mit der Aktualit\u00e4t: Anfang Juli 2025 brachte das Seco f\u00fcr die Schweiz zusammen mit den anderen EFTA-Staaten<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> den Mercosur-Deal<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> unter Dach und Fach \u2013 ein Freihandelsabkommen, von dem die Schweizer Schokoladeindustrie voraussichtlich deutlich profitieren wird. Denn damit ist der Weg geebnet f\u00fcr die zollfreie Einfuhr der sogenannten nationalen Erfolgsgeschichte \u00abSchweizer Schokolade\u00bb nach Brasilien Argentinien, Uruguay, Paraguay und Bolivien. Ein Schlag ins Gesicht f\u00fcr den lokalen Schokoladesektor Brasiliens, eines der wenigen L\u00e4nder, das den selbst produzierten Kakao f\u00fcr die eigene Schokolade- und Kakaoverarbeitung verwendet.<\/p>\n<h3><strong>Erste Widerspr\u00fcche <\/strong><\/h3>\n<p>Wer beginnt, \u00fcber das \u00fcbliche Narrativ von Schokolade hinauszudenken, st\u00f6sst schnell auf Widerspr\u00fcche. Die h\u00e4ufen sich noch mehr, wenn das Wort \u00abSchweizer\u00bb vor die Schokolade geh\u00e4ngt wird. Denn die Hauptzutat, Kakao, w\u00e4chst gar nicht in der Schweiz \u2013 auch nicht in der N\u00e4he. Auch das Sinnieren \u00fcber die Herkunft des Wortes \u00abSchokolade\u00bb macht stutzig; stammt es doch urspr\u00fcnglich aus dem Spanischen \u00abchocolate\u00bb, das seinerseits wahrscheinlich auf das Nahuatl-Wort \u00abxocolatl<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u00bb zur\u00fcckgeht. So ist die Schokolade denn auch urspr\u00fcnglich nicht in der Schweiz, sondern in Mexiko zum Star geworden \u2013 bereits vor 3000 Jahren durch die Olmekische Kultur. Die \u00e4ltesten Spuren von Kakao als Kulturgut sind mit 5000 Jahren gar noch \u00e4lter und wurden im oberen Amazonasgebiet an der heutigen Grenze zwischen Ecuador und Peru entdeckt. Seit so vielen Jahren wird Kakao in S\u00fcd- und Mesoamerika also bereits als Getr\u00e4nk, in Zeremonien, als Zahlungsmittel, in der Medizin und als Schokolade genutzt.<\/p>\n<h3><strong>Wie war das mit der nationalen Erfolgsgeschichte? <\/strong><\/h3>\n<p>Mit diesen an sich schl\u00fcssigen Argumenten im Kopf, lese ich die Antwort der KI, auf meine Frage, ob die Schweizer Schokolade tats\u00e4chlich als eine nationale Erfolgsgeschichte durchgeht, die klar und deutlich lautet: \u00abJa, man kann mit Fug und Recht sagen, dass die\u00a0Schweizer Schokolade eine nationale Erfolgsgeschichte\u00a0ist.\u00bb Die Maschine rattert dann auch ungefragt die daf\u00fcr g\u00e4ngigen \u00abBeweise\u00bb runter und erkl\u00e4rt, wie die Pionierleistungen und Innovationen von Schweizer Chocolatiers wie Fran\u00e7ois-Louis Cailler, Philippe Suchard, Rodolphe Lindt und Henri Nestl\u00e9 mit Daniel Peter bahnbrechenden Erfindungen die weltweite Schokoladenindustrie pr\u00e4gten \u2013 dazu z\u00e4hlten die mechanisierte Schokoladeproduktion, das Conchierverfahren und die Erfindung der Milchschokolade. Was die KI interessanterweise nicht erw\u00e4hnt, ist die gerissene Marketing-Strategie, welche die Herren gefahren sind, insbesondere Theodor Tobler, der bereits in den 20er-Jahren grosse Summen in Werbung f\u00fcr seine Toblerone investierte.<\/p>\n<h3><strong>Die Erfindung des Mythos: Schokolade als Schweizer Identit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>Zwei Werbestrategien pr\u00e4gten das Klischee der Schweiz als Schoggi-Land besonders: Exotische Motive, welche die Herkunft des Kakaos symbolisieren, die jedoch oft rassistische und sexistische Klischees zeigten, mehrheitlich \u00fcber ein imaginiertes Afrika. \u00dcber die Jahre gewann das Motiv der Berggipfel und Milchk\u00fchen als idyllisches Alpenland inszeniert \u00dcberhand\u2013 mit folkloristischen Bildwelten f\u00fcrs Heimatgef\u00fchl. Das wirkte beruhigend angesichts von Industrialisierung und Urbanisierung und bildet eine Parallele zur F\u00f6rderung des volkst\u00fcmlichen Brauchtums und des Alpentourismus. So wurde aus der Schoggi ein lokales Produkt, das seither der nationalen Identit\u00e4tsbildung dient.<\/p>\n<h3><strong>200 Jahre vs 5000 Jahre<\/strong><\/h3>\n<p>Altersm\u00e4ssig unterliegt die Schweizer Schokoladetradition jener aus Lateinamerika betr\u00e4chtlich. Vielleicht liegt es an diesem jahrtausendalten Altersunterschied, dass die Schweizer Schokoladeindustrie zusammen mit <a href=\"https:\/\/www.chocosuisse.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Chocosuisse<\/a> \u00fcber ein Jahrhundert lang, das Narrativ der Schweizer Schokolade als nationale Erfolgsgeschichte pr\u00e4gte und dabei die Verflochtenheit der Welt v\u00f6llig ausblendete: N\u00e4mlich dass die Schweizer Schokolade auf der Aneignung und Weiterentwicklung eines kulturellen Erbes aus Mittelamerika beruht und auf Handels- und Wirtschaftssystemen, die koloniale und postkoloniale Abh\u00e4ngigkeiten beinhalten, aufbaut.<\/p>\n<h3><strong>Ohne Sklaven keine Schoggi<\/strong><\/h3>\n<p>Ein Blick zur\u00fcck zeigt, dass die Erfolgsgeschichte der Schweizer Schokolade untrennbar mit der Geschichte des Kolonialismus und des transatlantischen Sklavenhandels verbunden ist \u2013 obschon die Schweiz nie eigene Kolonien besass. Schweizer Kaufleute waren jedoch sehr engagiert im Kakaohandel, waren auch direkt und indirekt am Sklavenhandel beteiligt, finanzierten Expeditionen, betrieben Plantagen und profitierten von der Ausbeutung versklavter Menschen in der Karibik und S\u00fcdamerika.\u00a0Auch Schweizer H\u00e4ndler wie Cailler bezogen Kakao f\u00fcr die Schokoladenproduktion aus Plantagen, auf denen Sklaven in Venezuela und Brasilien arbeiteten. Da im 19. Jahrhundert immer mehr Menschen Schokolade konsumierten, stieg die Nachfrage nach Kakao. Nur durch Sklaverei gelang es den Produzenten in den Kolonien, diese Nachfrage zu befriedigen<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Die Gewinne aus diesen Gesch\u00e4ften flossen in den Aufbau von Banken, Versicherungen und Industrien in der Schweiz \u2013 darunter auch die Schokoladenindustrie. Noch heute liegt der Kakaohandel massgeblich in der Hand der Schweiz: Einerseits liegen die Hauptsitze von <a href=\"https:\/\/www.barry-callebaut.com\/de-CH\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barry Callebaut<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ecomtrading.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ecom Trading<\/a>, zwei der sechs gr\u00f6ssten Kakaoh\u00e4ndler der Welt, in der Schweiz, andererseits werden konservativ gesch\u00e4tzte 30 Prozent des globalen Kakaohandels<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> \u00fcber die Schweiz abgewickelt. Dass Ghana f\u00fcr die Schweiz noch heute der wichtigste Partner ist f\u00fcr Kakaohandel, geht zur\u00fcck auf 1859, als die Basler Mission die Basler Handelsgesellschaft gr\u00fcndete und 1893 erstmals Kakao aus der damaligen britischen Kolonie Goldk\u00fcste nach Europa verschiffte. Damit war sie entscheidend am Aufbau des Kakaohandels in Westafrika beteiligt. Die von der Basler Handelsgesellschaft mitgepr\u00e4gten Kartellstrukturen wurden nach der Unabh\u00e4ngigkeit Ghanas vom <a href=\"https:\/\/cocobod.gh\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cocobod<\/a> \u00fcbernommen und verstaatlicht.<\/p>\n<h3><strong>Was bedeutet \u00abSchweizer Schokolade\u00bb?<\/strong><\/h3>\n<p>Kehren wir noch einmal zur\u00fcck zur Gegenwart. \u00abSchweizer Schokolade\u00bb ist ein gesch\u00fctzter Herkunftsbegriff f\u00fcr Schokolade, die in der Schweiz hergestellt wird. Seit 2017 regelt die sogenannte \u00abSwissness\u00bb-Gesetzgebung, wann ein Produkt als \u00abschweizerisch\u00bb gelten darf. F\u00fcr Lebensmittel gilt: Mindestens 80 Prozent des Rohstoffgewichts m\u00fcssen aus der Schweiz stammen, bei Milchprodukten sogar 100 Prozent. In Angst um Ruf und Ruhm hat sich die Schweizer Schokoladeindustrie stark und erfolgreich f\u00fcr eine Ausnahme eingesetzt, da Kakao bekanntlich nicht in der Schweiz angebaut werden kann. So hat sich die Schokoladeindustrie herausbedungen, dass f\u00fcr ihren Bereich entscheidend ist, dass der \u00abwesentliche Verarbeitungsschritt\u00bb \u2013 also das eigentliche Herstellen der Schokolade \u2013 in der Schweiz erfolgt.<\/p>\n<h3><strong>Wie Swissness swissless wird<\/strong><\/h3>\n<p>Eine Tafel \u00abSchweizer Schokolade\u00bb kann rechtlich gesehen also zu hundert Prozent aus importierten Rohstoffen bestehen, solange sie in der Schweiz verarbeitet wird. Das Label \u00abSwissness\u00bb ist also vor allem ein Marketinginstrument, das das Image der Schweiz als Qualit\u00e4tsgarant nutzt. Das verfestigt einerseits die aktuelle Handhabung, die Wertsch\u00f6pfung in der Schweiz zu generieren und die Kakaoproduzierenden L\u00e4nder weiterhin als Rohstoffproduzent zu halten. Andererseits bekr\u00e4ftigt es das Narrativ, dass es die Schweiz ist, die Qualit\u00e4tsschokolade herstellt \u2013 nicht etwa ein Kakaoproduzierendes Land.<\/p>\n<h3><strong>Fazit: Zeit f\u00fcr eine ehrliche Schokolade?<\/strong><\/h3>\n<p>Ohne kritische Auseinandersetzung mit der gewaltvollen Vergangenheit und dem Ausnutzen asymmetrischer Machtverh\u00e4ltnisse zum wirtschaftlichen Nutzen ist eine gesunde Beziehung in aktuellen Zeiten und f\u00fcr die Zukunft schwierig. Das einseitige Narrativ der Schweizer Schokolade bereichert die Schweiz noch mehr, statt dass sie die Wertsch\u00f6pfung teilt.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Schweizer Schokolade ist eine Geschichte von Innovation, aber auch von Verdr\u00e4ngung und Ausbeutung. Die nationale Identit\u00e4t, die sich um die Schoggi rankt, ist ein Mythos, der koloniale Realit\u00e4ten und globale Ungleichheiten ausblendet. Wer heute traditionelle \u00abSchweizer Schokolade\u00bb kauft, konsumiert ein Produkt, das zwar in der Schweiz perfektioniert, aber auf dem R\u00fccken von Kakaobauernfamilien im globalen S\u00fcden produziert wurde. Eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Mythos ist \u00fcberf\u00e4llig \u2013 nicht nur aus historischer, sondern auch aus ethischer Perspektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> EFTA-Staaten: Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Mercosur-Staaten: Brasilien, Uruguay, Paraguay, Argentinien, Bolivien<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Das Wort bezeichnete urspr\u00fcnglich ein Getr\u00e4nk aus Kakao, Wasser und Gew\u00fcrzen \u2013 also das, was wir heute als \u201eKakaogetr\u00e4nk\u201c oder \u201eheisse Schokolade\u201c kennen. Nahuatl ist die Sprache der Azteken. Die Herkunft des Wortes \u00abSchokolade\u00bb ist allerdings nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Sicher ist: Der Ursprung liegt in den indigenen Sprachen Mittelamerikas, aber die genaue Zusammensetzung bleibt umstritten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.publiceye.ch\/de\/tag\/schokolade\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.publiceye.ch\/de\/tag\/schokolade<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Transithandel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Produkt steht international so sehr f\u00fcr die Schweiz wie Schokolade. Das Bild von gr\u00fcnen Alpen, gl\u00fccklichen K\u00fchen und technischer Innovation dient als Symbol f\u00fcr Qualit\u00e4t und Reinheit \u2013 und ist doch ein sorgf\u00e4ltig konstruiertes Narrativ. Was also steckt wirklich hinter dem Begriff \u00abSchweizer Schokolade\u00bb? Wie viel Schweiz ist tats\u00e4chlich in der ber\u00fchmten Schoggi [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":351,"featured_media":3279,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"mc4wp_mailchimp_campaign":[],"footnotes":""},"categories":[322],"tags":[],"class_list":["post-8743","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schokoladen-blog"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/351"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8743"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8756,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8743\/revisions\/8756"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/criolloquetzal.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}