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Kakaomarkt, Machtspiele und globale Ungleichheiten

Der Schokoladenpreis ist... brennend!

Veröffentlicht von Thierry am 29. Mai 2026

Die Preisdynamik auf dem Kakaomarkt erinnert mich an den Brunnen auf dem Bundesplatz in Bern: Ich weiß, dass die Wasserstrahlen irgendwann sprudeln werden, aber ich weiß nicht wann, mit welcher Kraft und in welche Richtung. Ob ich danach nur ein paar erfrischende Spritzer abbekomme oder durchnässt ins nächste Café flüchte, entscheidet sich erst im Moment selbst.

Für die Menschen, die Kakao anbauen, ist diese Unberechenbarkeit jedoch kein Sommerspiel. Sie entscheidet darüber, ob die Einnahmen für Nahrung, Schule oder die nächste Ernte ausreichen werden.

Das Paradox des Schokoladenpreises

Während der Kakaopreis an der Börse seit 2022 historische Schwankungen erlebt hat – von etwa 2.000 US-Dollar pro Tonne auf zeitweise 12.000, bevor er wieder deutlich sank –, kennen die Schokoladenpreise in der Schweiz nur eine Richtung: nach oben. Die Hersteller berufen sich auf gestiegene Rohstoff-, Energie- und Arbeitskosten; gleichzeitig wurden die Tafeln verkleinert oder die Preise um mehr als 10 % erhöht.

Lindt & Sprüngli ist ein Beispiel dafür: Der Konzern hat seine Schokoladenpreise innerhalb weniger Jahre erheblich erhöht – ohne signifikanten Umsatzrückgang. Im Jahr 2025 stiegen Umsatz und Gewinnmargen erneut. Für die Konsumenten bedeutet dies, dass wir pro Tafel mehr bezahlen und oft weniger für unser Geld bekommen.

Wenn Schokolade teurer wird – aber die Bauern arm bleiben

Was aber viel gravierender ist: Was wir mehr bezahlen, kommt den Kakaobauern oft kaum zugute.

Dieses Phänomen ist besonders in Ghana und der Elfenbeinküste, den beiden größten Kakaoproduzenten der Welt, sichtbar. Dort erhalten viele Bauern trotz der Rekordpreise der letzten Jahre heute weniger Geld, als sie zur Produktion ihres Kakaos bräuchten. Gleichzeitig blieben in letzter Zeit große Mengen Kakao auf Lager, da die Händler angesichts fallender Weltmarktpreise zögerten zu kaufen und die staatlichen Vermarktungssysteme einen massiven Verkauf zu sehr niedrigen Preisen verhindern wollten.

Warum profitieren die Produzenten nicht automatisch von hohen Börsenpreisen?

Obwohl der Kakaomarkt global organisiert ist, sind die Risiken sehr ungleich verteilt. In Ghana und der Elfenbeinküste verkaufen staatliche Vermarktungsgesellschaften einen Großteil der Ernte im Voraus, um den Bauern stabile Einkaufspreise zu garantieren. Als die Weltmarktpreise 2024 explodierten, waren jedoch viele dieser Verträge bereits zu deutlich niedrigeren Preisen abgeschlossen worden. Später fielen die Börsenkurse wieder stark, während Händler und Verarbeiter versuchten, sich günstiger einzudecken oder sich anderen Herkunftsländern zuwandten.

Hinzu kommen Finanzspekulationen, Währungsschwankungen, Klimarisiken und Krankheiten, die den Kakaoanbau beeinträchtigen. Wenn die Preise steigen, profitieren die Bauern oft nur spät von diesen zusätzlichen Einnahmen. Wenn die Preise hingegen fallen, werden die Verluste schnell entlang der gesamten Lieferkette bis zu den Produzenten selbst weitergegeben.

Nachhaltigkeit beginnt mit den Einnahmen

Die wahren Folgen dieser Dynamik reichen weit über den Markt hinaus. Es ist praktisch unmöglich, Entwaldung, Kinderarbeit oder prekäre Arbeitsbedingungen wirksam zu bekämpfen, solange viele Kakaobauern kein existenzsicherndes Einkommen erzielen. Wenn Familien de facto gezwungen sind, zwischen Nahrung, Schulbesuch ihrer Kinder oder dem Erhalt alter Bäume zu wählen, handelt es sich nicht um eine echte Wahlfreiheit.

Genau hier setzt die Idee eines „Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen“ an. Anstatt einfach den Marktpreis zu akzeptieren, stellt dieses Konzept eine andere Frage: Welcher Preis wäre notwendig, damit ein Haushalt, der nachhaltigen Kakaoanbau betreibt, tatsächlich ein menschenwürdiges Leben führen kann?

Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend. Denn er kehrt die Marktlogik um: Nicht das Einkommen der Produzenten muss sich an den Weltmarkt anpassen, sondern der Preis muss sich an den tatsächlichen Lebens- und Produktionskosten orientieren.

Was Milch und Schokolade über globale Ungleichheiten verraten

In der Schweiz kennen wir solche Mechanismen sehr gut, auch wenn wir sie selten so nennen. Konsumenten zahlen vielleicht 1,80 Franken für einen Liter Milch im Laden, aber die Produzenten erhalten nur einen Teil davon. Da die Produktionskosten über dem Marktpreis liegen, gleicht der Staat einen Teil der Differenz durch Direktzahlungen und andere Förderinstrumente aus.

Im Kakaosektor gibt es ein solches Sicherheitsnetz praktisch nicht. Kakao wird hauptsächlich für globale Exportmärkte produziert; die sozialen und ökologischen Kosten, die mit niedrigen Rohstoffpreisen verbunden sind, werden daher weitgehend entlang der Lieferkette – bis zu den Produzenten selbst – externalisiert.

Dies wird besonders deutlich im Fall von Schokolade: Während Teile der Schweizer Wertschöpfungskette – wie die Milchproduktion oder die Infrastruktur – indirekt vom Staat unterstützt werden, stammt Kakao oft aus einem System, in dem viele Produzenten manchmal nicht einmal ihre Produktionskosten decken können. Die niedrigen Einkommen der Kakaobauern wirken somit de facto als eine versteckte Quersubventionierung billiger Schokolade.

Ein anderer Markt ist möglich

Auf dem Bundesplatz in Bern kann man den Wasserstrahlen lachend ausweichen. Auf dem globalen Kakaomarkt ist das anders: Es ist nicht der Zufall, der entscheidet, wer nass wird, sondern die Macht, die entlang der Lieferkette ausgeübt wird.

Alternative Modelle, wie die „Bean-to-Bar“-Schokolade, zeigen jedoch, dass andere Handelsbeziehungen möglich sind. Anstatt hauptsächlich über anonyme Rohstoffmärkte zu gehen, setzen viele dieser Schokoladenhersteller auf direkte Beziehungen zu den Kakaobauern, transparente Preise und eine langfristige Zusammenarbeit. Dieser Markt ist noch bescheiden, wächst aber dank Vertriebsplattformen wie CriolloQuetzal stetig und zeigt, dass Qualität, Transparenz und höhere Einnahmen nicht unbedingt unvereinbar sind.

Letztlich steckt hinter all dem dieselbe politische Frage: Wem gestehen wir das Recht auf ein existenzsicherndes Einkommen zu – und wem nicht?

In Europa haben wir uns darauf geeinigt, dass Vollzeitarbeit nicht automatisch Armut bedeuten sollte. Für viele Menschen, die unsere Rohstoffe anbauen, gilt dieses Versprechen jedoch auch heute noch nur begrenzt. Solange Unternehmen Schokolade verkaufen können, deren Rohstoffe für ein Einkommen unterhalb der Existenzgrenze produziert wurden, bleibt das Recht auf ein menschenwürdiges Leben entlang der globalen Lieferketten weitgehend optional. Wer kann das schon akzeptieren?

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